Rollstühle und Gehhilfen für Nicaragua

Wie schon vor einigen Jahren, konnten wir auch heuer wieder gebrauchte Rollstühle und Gehhilfen, die uns von der VGKK zur Verfügung gestellt worden waren, instand setzen, nach Nicaragua transportieren und dort bedürftigen Menschen übergeben. Abgewickelt haben wir die Verteilung der Hilfsmittel zusammen mit den Mitgliedern einer katholischen Basisgemeinde in der Gemeinde von Masatepe, die die Lebensumstände und somit den Bedarf sehr gut kennen.
Stellvertretend für all jene, die einen Rollstuhl oder eine Gehhilfe bekommen haben, sei hier die Begegnung mit einer Familie geschildert:
Um sechs Uhr früh treffen wir uns mit Domingo und Simonita aus der Basisgemeinde, die uns den Weg zu der Familie zeigen. Nach einer 20-minütigen Fahrt auf holprigen Wegen vorbei an Bananen-, Kaffee- und Zitrusplantagen kommen wir zu einem kleinen Weiler mit drei Häusern aus Bambus und Brettern. Auf unser Rufen hin erscheint bei einem der Häuser hinter dem Eingangsvorhang eine gebeugte, alte Frau, die sich beim Gehen auf zwei Stöcke stützt. Ein Strahlen geht über das Gesicht der Neunzigjährigen, als sie die zwei Mitglieder der Basisgemeinde erkennt, denn sie freut sich immer, wenn jemand auf einen Schwatz vorbeikommt. Sofort bittet sie uns in ihr Haus und bietet uns Kaffee an. Hier im Haus lernen wir auch ihren Bruder kennen, der körperlich noch etwas besser beisammen ist. Sich nur leicht an einem Stock haltend, verschwindet er, kurz nachdem wir angekommen sind. Das dritte Familienmitglied ist der 45-jährige Enkel von Doña Cypriana, der seit Geburt schwer behindert ist. Sein ganzer Körper ist verkrampft, er kann nur seine Arme und Hände bewegen, aber man sieht, welche Mühe ihn auch das kostet und wie wenig Kontrolle er über die Bewegungen hat. Verständlich machen kann er sich nur mit unartikulierten Lauten. Doch auch ihm sieht man die Freude über den unerwarteten Besuch an.
Doña Cypriana ist inzwischen schon mitten im Erzählfluss. Sie erzählt von ihrem Mann, der vor 20 Jahren gestorben ist und der sich immer um Brennholz und die anderen schweren Arbeiten ums Haus gekümmert hat. Sie erzählt von ihrer Tochter, die im fernen Managua arbeitet und sich nur selten blicken lässt. Und vom Sohn, der im Krieg gefallen ist, sowie von den anderen Söhnen, die fortgezogen sind. Sie erzählt, wie schwierig das Leben wird, wenn man alt und gebrechlich wird. Vor allem die Pflege ihres Enkels gestaltet sich von Tag zu Tag schwieriger, da sie nicht mehr die Kraft hat, ihn aufzuheben. Daher muss sie immer warten, bis einer seiner Brüder vorbeikommt und ihn aus dem Bett nimmt. Aber die wissen halt nicht so genau, was der „Junge” braucht, denn sie pflegt ihn schon seit seiner Geburt und kennt daher genau seine Bedürfnisse. Er ist ein guter Junge, aber er ist seit Geburt behindert. Er hat nie gelernt zu gehen und auch nicht zu reden. Nur essen kann er selber, aber nur feste Sachen. Beim Trinken muss sie ihm helfen. Leider ist jetzt auch ihr Bruder Vicente zu fast nichts mehr zu gebrauchen, weil er nichts mehr versteht und außerdem immer wieder abhaut und stundenlang nicht mehr heimkommt. Es ist auch schon vorgekommen, dass er nicht mehr nach Hause gefunden hat und von Bekannten heimgebracht werden musste.
Wie auf ein Stichwort erscheint Don Vicente jetzt wieder im Eingang, — voll bepackt mit frischen Mangos und Avocados, die er wortlos, nur mit einem verschmitzten Lächeln auf dem Gesicht, an uns BesucherInnen verteilt. Dann setzt er sich wieder auf sein Bett, nimmt seine völlig zerlesene Bibel zur Hand und blättert darin. Dabei versinkt er ganz in seine eigene Welt und scheint nichts mehr um sich herum wahrzunehmen.
Und Doña Cypriana erzählt weiter. Früher ist ihr Bruder immer auf die Bäume gestiegen und hat für die Besucher die schönsten Früchte gepflückt, aber jetzt nimmt er nur noch das Fallobst vom Boden auf und verschenkt es. Da muss man sich geradezu schämen, aber vielleicht ist es ja doch besser, dass er nicht mehr auf Bäume steigt.
Jetzt gelingt es uns endlich, Doña Cypriana zu erklären, warum wir gekommen sind. Sie freut sich sehr über die Aussicht, einen Gehbock und einen neuen Rollstuhl für ihren Enkel zu bekommen. Doch fast wichtiger scheint es ihr zu sein, dass wir wieder auf Besuch kommen.
So verabschieden wir uns mit dem Versprechen wieder zu kommen und fahren nachdenklich und reich beschenkt nach Hause.



Uns ist klar, dass dem Mann mit einem herkömmlichen Rollstuhl nicht gedient ist, denn sein ganzes Rückgrat sowie das Hüftgelenk sind steif, was ihm aufrechtes Sitzen unmöglich macht. Nach längeren Diskussionen mit Technikern einer Rollstuhlfabrik und einem neuerlichen Besuch bei der Familie entschließen wir uns, einen ganz neuen Rollstuhl nach Maß fertigen zu lassen.
Die Übergabe dieses Rollstuhls und des Gehbocks an die Familie ist ein Freudentag nicht nur für die Beschenkten sondern auch für uns Schenkende.
Sogleich machen wir uns auf zu einem kleinen Spaziergang mit dem neuen Rollstuhl. Und Doña Cypriana begleitet uns ein Stück mit ihrem Gehbock, mit dem sie sehr gut zurecht kommt. Der neue Rollstuhl überwindet alle Hindernisse wie Schlaglöcher, Steine im Weg, Steigungen und Talfahrten, — eine Wonne, so ausgefahren zu werden! Dieser Ausfahrt werden sicher noch weitere folgen. Wenn auch die Kräfte von Doña Cypriana nicht mehr ausreichen, ihren Enkel zu begleiten oder gar allein auszuführen, so werden weiterhin gute Geister wie Simonita und Domingo diese Aufgabe mit Freude übernehmen. Und auch wir werden ganz sicher bei unserem nächsten Nicaragua-Aufenthalt bei der Familie Perez auf einen Kaffee und einen Spaziergang vorbeischauen.









